Montag, 14. April 2008

Notizen zum tibetischen Befreiungskampf II // Was boykottieren ? // Podcast-Tipps

In diesem Beitrag geht es mir um zwei Dinge: Einmal darum, kurz eine "Unabhängigkeit" Tibets zu diskutieren; und einmal darum, einen Denkfehler bei der deutschen "Unterstützung" des Dalai Lama zu skizzieren.

  • Zur Unabhängigkeit Tibets

    Die Unabhängigkeit Tibets wird sich sinnvollerweise wohl nur in einer Art kulturellen Autonomie im Sinne des Dalai Lama verwirklichen lassen.

    Warum sinnvollerweise? Ich meine hier die Tatsache, dass Tibet als solches viel größer ist als die jetzige autonome Region - eine Art "Rumpftibet". Doch selbst wenn Tibet auf die Grenzen vor der Annektierung ausgedehnt werden würde, verbliebe ein sehr gewichtiges Grundproblem. Dieses Grundproblem umfasst schlicht die Tatsache, dass es sich bei China um einen Vielvölkerstaat handelt. Zum Beispiel sind viele Gebiete seit Jahrzehnten von Chinesen und Tibeter gemeinsam bewohnt. Wenn ich an die bisherigen Erfahrungen im Balkan denke, dann ist die chinesische Einheit einem Zerfall a là Jugoslawien bei weitem vorzuziehen. Ein Bürgerkrieg und erzwungene ethnische Wanderungsbewegungen neben vielen Toten können nicht das Ziel sein.

    Doch bedarf es hier eine gewissen Reife und freie Souveränität auf beiden Seiten. Wenn ein sehr starker Verhandlungspartner von eigenen - irrationalen - Existenzängsten geplagt ist, versucht dieser natürlich das Gegenüber zu bekämpfen und verstrickt sich in eine Art "selbsterfüllender Prophezeiung". Und genau das scheint das Problem der chinesischen Führung zu sein, was die Verhandlungsposition des Dalai Lama so "schwierig" macht.

  • Unterstützung des Dalai Lama
    - Das eigene Tun ... Spenden? Was boykottieren?

    Sie müssen bedenken, dass die chinesische Führung - zu sagen wir 75% - aus einer Militärdikatur besteht und als solche handelt. Sie hat die Dialektik der Macht verinnerlicht - Das muß man berücksichtigen! Das heißt, Verhandlungspartner werden nur dann anerkannt, wenn sie etwas anzubieten, zu verhandeln haben. Der Verhandlungspartner braucht eine eigene Machtbasis. Aber ohne eigene Machtposition wird der andere Verhandlungspartner bestenfalls ignoriert, schlechtestenenfalls negiert und bekämpft. Letzteres scheint beim Dalai Lama und den Tibetern mit ihren (recht unterschiedlichen) Forderungen der Fall zu sein. Die Militärdiktatur handelt hier aus einer Position der letztlich fatalen militärischen Stärke heraus.

    Gehen wir einmal davon aus, dass wir gleichermaßen hinter der Position des Dalai Lama stehen, dann erlaube ich mir die Frage: Glauben Sie in Ernst, dass sich die chinesische Führung überhaupt für irgendeine Position eines daher gelaufenen Papiertigers interessiert? Wohl kaum. Das ist auch die Schwachstelle des Dalai Lama, die fehlende sichtbare Macht-/Verhandlungsbasis eben.

    Sie sind nicht der Dalai Lama, der Dalai Lama spricht für sich selbst. Die versteckte Identifizierung enthält meines Erachtens nach einen schwergewichtigen Denkfehler:
    Wenn man den Dalai Lama unterstützen will, bringt es nichts daherzureden, als wäre man selbst der Dalai Lama. Das trägt vielleicht dazu bei, den Dalai Lama noch etwa populärer zu machen [als Märtyrer/Heiliger vielleicht], ist aber im Grunde genommen nur töricht.

    Dem Dalai Lama wirklich zu helfen, heißt dazu beizutragen, ihn mit einer Macht- und Verhandlungsbasis auszustatten; damit die chinesische Regierung ihn als ebenbürtigen Verhandlungspartner anerkennt. Das heißt aber notwendigerweise auch, bei der chinesischen Regierung anzuecken und mit dieser - auch wenn nur begrenzt - zu kollidieren.

    Nochmal, für Unsereins heißt das, der Dalai Lama kann sich selbst am besten nachplappern. Sie müssen schon selbst persönlich auf Ihre individuelle Weise aktiv werden. Zum Beispiel finde ich die Proteste beim olympischen Fackellauf als sehr gelungen für ergänzende Handlungen. Dazu gehört eben auch, dass jugendliche Hitzköpfe [wie auch in Tibet] über die Stränge schlagen. Wir leben in einer Welt mit der gemeinsamen Weltwährung, die den Namen Aufmerksamkeit trägt. Und die chinesische Regierung verhandelt nur, wenn sie es zu tun zu müssen glaubt...

    ...Die Position des Dalai Lama stärken, heißt eben auch Gewalt anzuwenden [was der Dalai Lama nicht kann] und ein persönliches Risiko einzugehen. Und Gewalt (strafbare Handlung nach "chinesichem" Willkürrecht) ist schon das einfache zivile Ungehorsam.

    Ecken Sie an, nerven Sie die chinesische Botschaft. Oder als sinnvolle Ergänzung: Schreiben Sie die in Bezug auf die Menschrechte in China mundfaulen Unternehmen Adidas oder VW als Großsponsoren an, auf das diese sich endlich - der Sache dienend - äußern mögen. Ich persönlich werde mir auf absehbare Zeit weder Adidas noch VW leisten. Das ist mein persönlicher Boykott. Ein Boykott von deutschen mitlaufenden opportunistischen Geschäftemachern scheint durchaus angezeigt.

    Der Sport leistet es eben nicht, die bisherigen geschäftsleutlichen und politischen Fehlleistungen in Bezug auf Menschenrechtsfragen in China aufzuheben, zu ersetzen oder gar reinzuwaschen. Zur Kommunikation und zur Umkehrung der chinesischen Propagandaabsicht ist er aber ideal. Es gibt keinen unpolitischen Sport.

    Nur sich persönlich zu empören, ist, gelinde gesagt, für den "Arsch" und bestenfalls Bildzeitungsniveau. Nur das eigene Handeln zählt. Und wenn Sie meinen, träge bleiben zu müssen, dann können Sie immer noch spenden, beispielsweise der Tibet Initiave e. V.

Zu allerletzt hier noch ein paar Podcast-Tipps (über 10 MB pro Download):
  1. Lauf Feuer lauf! Die Kraft der Symbole und die Politik des Wegschauens Zum Download
    (HR2: "Der Tag" vom 10. April 2008, 16,9 MB)

  2. Aufstand in Tibet: Chinas Krieg gegen das Volk Zum Download
    (HR2: "Der Tag" vom 17. März 2008, 12,1 MB)
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